Von der Figurine zum fertigen Kostüm – Gut ausgestattet zum Südpol

15.01.2016

Norweger und Engländer (rechts) hier noch gleich auf
Norweger und Engländer (rechts) hier noch gleich auf

Sie ziehen sich warm an, die Sänger von South Pole – denn am Südpol hat es Minusgrade! Wir haben uns inzwischen an den Anblick gewöhnt: Auf den Gängen begegnen uns täglich Expeditionsteilnehmer im Pelzoutfit, die auf dem Weg zur Probebühne sind. Aber wie entsteht eigentlich aus den Ideen der Kostümbildnerin das fertige Kostüm und wie viele Arbeitsstunden in der Schneiderei stecken darin? Wir haben mal einen Blick in die Kostümabteilung geworfen.

Am Anfang steht ein erstes Treffen, in dem das Produktionsteam von South Pole die Stoßrichtung der Inszenierung festlegt. Der Regisseur Hans Neuenfels erläutert seine Vorstellungen und grundlegende Entscheidungen, z.B. zum Inszenierungsstil, werden getroffen. Diese Gespräche mit dem Regisseur bilden die Ausgangslage für die Arbeit der Kostümbildnerin Andrea Schmidt-Futterer.

Die Inspirationsquellen für die norwegischen Kostüme
Die Inspirationsquellen für die norwegischen Kostüme

Bei South Pole dienen ihr vor allem historische Aufnahmen der Expeditionsteilnehmer als Inspirationsquelle. Ihre Vorstellungen hält die Kostümbildnerin in Entwürfen (Figurinen) fest. Diese übergibt sie dann samt Referenzmaterial an die Kostümabteilung der Bayerischen Staatsoper. Etwa ein halbes Jahr vor der Premiere treffen sich dann Kostümbildnerin und Kostümabteilung zu einem ersten Arbeitsgespräch. Hier beginnen die praktischen Überlegungen: man diskutiert über Stoffe, die Farbigkeit, welche Materialien von der Stange gekauft werden können, was eigenhändig produziert werden muss und wie die Ideen bühnentauglich umgesetzt werden können. Bei South Pole stand schnell fest, dass bis auf die Schuhe, Schneebrillen und die Funktionsunterwäsche, die die Sänger in den warmen Kostümen zur Temperaturregulierung tragen werden, alles in Handarbeit in den hauseigenen Werkstätten gefertigt wird.

Stoffprobe für die Überkleidung der Engländer
Stoffprobe für die Überkleidung der Engländer

Anna Rehm, die Leiterin der Kostümproduktion sucht unterschiedliche Materialproben heraus und im Team werden die Verarbeitung der Stoffe sowie unterschiedliche Waschungen ausprobiert. Am Ende entscheidet man sich bei der Unterkleidung für Hollandleinen. Sowohl das englische, als auch das norwegische Expeditionsteam trägt zusätzliche Überkleidung. Bei den Engländern ist es wasserabweisend beschichtete Baumwolle - übrigens ganz ähnlich zur Originalexpeditionskleidung, die Scott bei Burberrys in London fertigen ließ. Bei den Norwegern wird Kunstpelz verarbeitet, denn Amundsen und sein Team trugen Kleidung, die größtenteils aus Rentierfellen gefertigt war. Amundsen hatte dazu die traditionelle Bekleidung der indigenen Völker am Nordpolarkreis zum Vorbild genommen, die er schon auf früheren Expeditionen erfolgreich testen konnte.

Korrekturen für den Prototyp der norwegischen Kostüme
Korrekturen für den Prototyp der norwegischen Kostüme

Nachdem Material und Beschaffenheit der Kostüme weitestgehend festgelegt sind, wird jeweils ein Prototyp der unterschiedlichen Kostüme anhand der Figurinen gefertigt. Bei einer ersten Anprobe des Prototypen - hier steckt schon der Sänger der späteren Rolle im Kostüm - überprüft die Kostümbildnerin, ob der Prototyp ihren Vorstellungen gerecht wird. Der Leiter der Herrenschneiderei, Max Philipp Wagner, nimmt direkt Änderungen vor, die die Produktionsleiterin in ihren Unterlagen festhält. Immer steht die Kostümabteilung in engem Austausch mit den Sängern: Sie geben Rückmeldung, inwiefern sie das Kostüm einschränkt - sei es in Bewegungsabläufen oder beim Singen und Hören (z.B. durch eine Kapuze). Am Ende der Anprobe werden die Sänger von allen Seiten fotografiert. Die Kostümbildnerin zeichnet ihre Änderungswünsche auf den Fotos ein und gibt sie an Max Philipp Wagner, damit der Prototyp dahingehend angepasst wird.

Sobald die Prototypen von Regisseur Hans Neuenfels und Kostümbildnerin Andrea Schmidt-Futterer endgültig abgenommen sind, beginnt die Anfertigung der Kostüme für die einzelnen Sänger. Mit den Werkstätten wird das genaue Vorgehen zur Herstellung und Verarbeitung besprochen: Wird etwas unterfüttert, wo muss ein Gummizug eingearbeitet werden, gibt es Knöpfe oder Reißverschlüsse?

Kevin Conners bei der Anprobe
Kevin Conners bei der Anprobe
Max Philipp Wagner, der Leiter der Herrenschneiderei steckt die Schulterpartie neu ab.
Max Philipp Wagner, der Leiter der Herrenschneiderei steckt die Schulterpartie neu ab.

Bei der Anprobe wird das Kostüm dem Sänger auf den Leib geschneidert. Hierfür sind die einzelnen Kleidungsteile nur zusammengeheftet und Max Philipp Wagner trennt sie bei Bedarf auf und steckt die Teile neu zusammen oder einen zu langen Ärmel ab. Im Bedarfsfall werden auch noch kleine Anpassungen vorgenommen: z.B. wurde die Überhose der Engländer unten geschlitzt und mit Knöpfen versehen, um ein schnelles Umziehen zu ermöglichen. Damit die Sänger die klobigen Stiefel nicht ausziehen müssen, wurde auch über ein Abschleifen der Sohlen nachgedacht, damit der Fuß besser durch das Hosenbein passt. Im Vorfeld wurde auch getestet, ob die Schuhe auf dem Bühnenboden Spuren hinterlassen. Bei den „Norwegern“ werden die Kunstpelze mit Haargel und Haarspray bearbeitet, damit sie nicht haaren. Sonst könnte am Ende ein Sänger eine Faser einatmen, die ihn dann beim Singen behindert.

Stundenzettel der Schneiderei für die Schlittengurte
Stundenzettel der Schneiderei für die Schlittengurte

Damit die Probensituation so authentisch wie möglich ist, erhalten die Sängerinnen und Sänger ein Probenkostüm, das dem endgültigen Kostüm sehr nahe kommt. Bei South Pole haben die Künstler schon mit zahlreichen originalen Kostümteilen geprobt. Fehlende Teile werden provisorisch aus dem Fundus ergänzt. Die Kostümteile kommen immer wieder mit Änderungswünschen aus den Proben zurück in die Schneiderei: Es müssen Taschengrößen angepasst oder Verschlüsse geändert werden, um beispielsweise einen Kostümwechsel in nur 30 Sekunden vollziehen zu können. Die Schneiderinnen und Schneider der Kostümabteilung haben am Ende gut 70 Arbeitsstunden in die Herstellung des Kostüms eines einzelnen Sängers gesteckt.

Greza, Jenny

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