Fünf Fragen an Miroslav Srnka

05.07.2016

Gut ein halbes Jahr liegt die Uraufführung von South Pole an der Bayerischen Staatsoper zurück. Nun wird Miroslav Srnkas und Tom Holloways Oper zu den Münchner Opernfestspielen 2016 für eine Vorstellung wiederaufgenommen. Genau der richtige Zeitpunkt also, sich mit dem Schöpfer des Werks über die Zeit nach dem großen Tag der Uraufführung zu unterhalten: Wir haben Miroslav Srnka zum Interview getroffen.

Wie hast du die Zeit nach der Uraufführung verbracht?

Ich habe versucht, mich selbst upzudaten. Der Hype war so groß, darauf ist man als Komponist zeitgenössischer Musik nicht vorbereitet. Viele Medien wollten auch nach der letzten Aufführung noch Interviews mit mir führen; da musste ich einfach einen Schlussstrich ziehen, um mich wieder zu konzentrieren, ein Gleichgewicht zu finden.
Die Mengen von nur schnell neben South Pole notierten Skizzen und Notizen habe ich streng sortiert. Alle meine kompositorischen Grundlagen habe ich kritisch untersucht und versucht, sie neu zu definieren. Ich musste nach neuen möglichen Konzepten suchen, um mich von einer so großen Partitur absetzen zu können. Ich konnte endlich wieder mich damit befassen, was die jüngsten Komponisten machen, wohin sich die Ästhetik und die Wahrnehmung in dieser Zeit des immens schnellen digitalen Umbruchs bewegen. Und ich habe auch gelernt, nach Jahren der Arbeit wieder einen richtigen Urlaub zu machen und ein paar Tage zu genießen, ganz ohne an Musik zu denken.
Die erste Uraufführung nach South Pole, meinem mit Abstand bislang größtem Werk, war mein überhaupt kleinstes, stillstes und bescheidenstes Stück: Here With You für Violine und Violoncello, erstmals gespielt in Freiburg im Juni vom ensemble recherche. Es war sehr erfrischend, wieder in die perfektionistische Welt des intimen Details eintauchen zu können.

Hattest du Abschiedsschmerz von South Pole?

Es gab eigentlich keine Chance dazu. Innerhalb weniger Wochen hat sich das Staatstheater Darmstadt entschieden, im Mai 2017 eine eigene Inszenierung des Stücks zu machen. Ich bin also gleich wieder an die South Pole-Partitur zurückgekehrt, um für Darmstadt den komplexen und solistischen Streichersatz von 14 ersten und 12 zweiten Violinen, 10 Bratschen, 8 Violoncelli und 6 Kontrabässen auf 10-8-6-5-4 zu reduzieren und dabei auch die ganze Partitur zu revidieren [Die Bilder anbei zeigen die von Miroslav Srnka bearbeitete Fassung der Partitur: in blau die überarbeiteten Streicher, in rot die dementsprechend angepasste Dynamik, d. Red.].
Außerdem habe ich mein Arbeitszimmer und die ganze Wohnung umgestaltet, Tonnen von Material weggeworfen, alles auf das Wesentliche reduziert, den Raum minimalisiert.

Was ist deine schönste Erinnerung an die Entstehungsphase und die Probenzeit?

Vielleicht die erste vollständige musikalische Aufführung des Solistenquartetts. Danach entstand plötzlich diese Identifikationsstille: die Stille nicht für das Publikum, sondern nur privat für die Aufführenden.Und dann der für mich völlig unerwartete Publikumsbeifallssturm, als Tom Holloway und ich beim Schlussapplaus der Premiere auf die Bühne gegangen sind.

Was war der schwierigste Punkt?

Vielleicht derselbe Augenblick ... Die Reaktion des Publikums hat mich umgeworfen. Zum Glück ist mir in dem Augenblick eine Meditationsübung eingefallen, ein Zurückzählen von hundert runter in Dreierschritten: 100, 97, 94, 91 ... Als ich bei 88 angelangt war, hatte ich mich wieder gefasst. Rein musikalisch war der schwierigste Augenblick das Ende der Orchesterhauptprobe, als alles schiefging. Wir waren uns in Fragen der Verstärkung ästhetisch nicht einig, die Lautstärke hat nicht gestimmt, die Tontechnik fiel aus, weil Rolando Villazón durch seinen rückhaltlosen Einsatz das Mikrofon durchschwitzt hat, ... da waren wir alle kurz vorm Durchdrehen. Ich war ratlos, weil es keine Zeit zu geben schien, überhaupt etwas daran noch zu ändern. Aber dann ist doch noch der Knoten geplatzt, gerade rechtzeitig.

Wie geht es bei dir weiter, was sind deine nächsten Projekte?

Gerade jetzt mache ich ein Orchesterstück für Printemps des Arts de Monte-Carlo, bei dem ich versuche, die ganze South Pole-Phase hinter mir zu lassen und das Komponieren neu anzuschauen.Tom Holloway und ich überlegen auch schon weitere Sachen. Wir tun das eigentlich immer, haben uns auch während der Arbeit an South Pole darüber ausgetauscht. Wir haben uns als Librettist und Komponist gefunden - das ist eine einmalige Zusammenarbeit, und wir genießen jetzt die Freiheit der Möglichkeiten nach South Pole.
Von kleineren Sachen freue ich mich besonders auf Kammermusik: ein zweites Streichquartett für das Quatuor Diotima und auch ein Klaviertrio für das ARD-Musikwettbewerb 2018. Ein Wettbewerbsstück für junge Menschen schreibe ich zum ersten Mal, das ist eine Gelegenheit, nach dem Sinn und den Wahrnehmungspatterns der Musik für die jüngste Generation zu fragen.
Und meine Tochter und ihre Klavierlehrerin sprechen mich immer wieder an, für sie ein Kinderklavierstück zu schreiben. Ich glaube, ich habe endlich die angemessen verrückte Idee dafür.


Interview: Carolin Müller-Dohle und Malte Krasting

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