An der Grenze des Klangs

08.02.2016

Auf der Verständigungsprobe zwischen den Schlagzeugern, Miroslav Srnka und ...
Auf der Verständigungsprobe zwischen den Schlagzeugern, Miroslav Srnka und ...
... Kirill Petrenko, der die Probe leitet.
... Kirill Petrenko, der die Probe leitet.
Claudio Estay an den „Kuhglocken“
Claudio Estay an den „Kuhglocken“
Thomas März spielt das Becken mit einem Kontrabassbogen.
Thomas März spielt das Becken mit einem Kontrabassbogen.
Die "Steel Drum" ist das karibische Nationalinstrument.
Die Steel Drum ist das karibische Nationalinstrument.
Peter Roijen am Marimbaphon
Peter Roijen am Marimbaphon
Viele Schlägel werden für die Partitur von "South Pole" benötigt.
Viele Schlägel werden für die Partitur von "South Pole" benötigt.
Sogar ein Stoßdämpfer erklingt, mit einer ganz feinen Nadel gespielt.
Sogar ein Stoßdämpfer erklingt, mit einer ganz feinen Nadel gespielt.
Die Klangschalen werden auf Pauken gestellt und mit einem Kontrabassbogen zum Klingen gebracht.
Die Klangschalen werden auf Pauken gestellt und mit einem Kontrabassbogen zum Klingen gebracht.
Die Eierschneider fungieren als Mini-Harfen.
Die Eierschneider fungieren als Mini-Harfen.
Die Schlagzeuger richten sich im Orchestergraben ein.
Die Schlagzeuger richten sich im Orchestergraben ein.
Claudio Estay bespricht sich mit Miroslav Srnka.
Claudio Estay bespricht sich mit Miroslav Srnka.

Die Schlagzeuggruppe des Bayerischen Staatsorchesters spielt zweifelsohne eine der Hauptrollen in Miroslav Srnkas South Pole. Mithilfe von außergewöhnlichen Instrumenten findet in der Oper eine Entwicklung von klassischen bis zu elektronischen Klängen statt. Ein spannendes Unterfangen: logisitisch, musikalisch und psychologisch. Wir haben mit Komponist Miroslav Srnka und Claudio Estay, Solo-Schlagzeuger des Bayerischen Staatsorchesters, über diese besondere Situation gesprochen.

Virtuose Stimmen, eine halb-meter-hohe Partitur und außergewöhnliche Instrumente, die normalerweise nicht in der Hochschule studiert werden: Die Schlagzeuger haben bei South Pole alle Hände voll zu tun. Nachdem Miroslav Srnka die Partitur fertiggestellt hatte, waren sie die erste Stimmgruppe, die ihre Noten bekam. Denn das Einrichten der Schlagzeuggruppe ist mit einer großen Logistik verbunden: Wie viele Musiker werden benötigt? Welche Instrumente werden gebraucht, müssen eventuell noch Expemplare gekauft werden? Wie erfolgt die Aufstellung – im Graben und auf der Probebühne?

Knapp drei Wochen vor der Premiere stand dann eine ganz besondere Probe auf dem Probenplan der Bayerischen Staatsoper: die Verständigung zwischen den Schlagzeugern, Kirill Petrenko und Miroslav Srnka. Disponierte Zeit: knappe drei Stunden. Also nichts wie hin, zum Bruno Walter Saal, dem Probenraum des Orchesters im Keller des Neuen Probengebäudes! Da haben die Schlagzeuger schon ein ganz besonderes Ensemble aufgebaut: Für den Klassik-Kenner Gewohntes wie Pauke, Marimba- und Vibraphon, aber auch exotische Instrumente und zahllose Alltagsgegenstände. Mittendrin: Claudio Estay, der gerade eine art Gymnastik-Plastikrohr durch die Luft schwingt, das unterschiedlich helle und dunkle Töne von sich gibt. Miroslav Srnka steht daneben und horcht: Stimmt die Tonhöhe? Eine Mischung aus Flöte und der Assoziation eines Windesrauschens – diesem Eindruck kann sich die Besucherin der Probe jedenfalls nicht entziehen. Diese Gymnastikrohre können, je nachdem, wie schnell sie geschwungen werden eine Tonika, eine Quinte oder eine große Terz erzeugen, so erklärt Claudio Estay später. Bis man diese Töne aber richtig intoniert hat: eine endlose Tüftelei.
In dieser Probe geht Kirill Petrenko jede Schlagzeugstelle minutiös mit den Musikern durch. Das alles geschieht in enger Absprache mit dem Komponisten; Miroslav Srnka steht am Pult direkt neben dem Dirigenten. Es wird getüftelt. Verschiedenste Schlegel ausprobiert, bis der Klang erzeugt wird, den sich Srnka und Petrenko vorstellen – und mit dem natürlich auch die Musiker zufrieden sind . So kommt es am Schluss durchaus vor, dass Paukenschlägel für Marimbaphon oder Vibraphon-Schlägel für die Pauke verwendet werden. Ganze zwanzig Minuten sind die Beteiligten allein damit beschäftigt, verschiedene Klangschalen auszutesten. Immer wieder verschwindet Claudio, um mit weiteren Exemplaren zurückzukehren. Diese Meditationsinstrumente aus dem fernen Osten sind besonders schwer in ein Orchester einzugliedern: Sie sind schlichtweg anders intoniert als unsere westlichen Instrumente. Claudio spricht von einem „Krieg von Obertönen und einem langen Prozess, den „richtigen Ton zu finden. In South Pole werden diese Klangschalen auf Pauken gestellt und mit einem Kontrabassbogen gespielt. Durch diesen großen, erweiterten Klangkörper und dem Pedal der Pauke ergibt das einen sehr entrückten, an- und abschwellenden Klang mit viel Glissando. Mit Kontrabassbögen werden ohnehin viele der Schlagwerkinstrumente bedient: Wenn man ein Becken mit einem Bogen anspielt, geht einem dieser so erzeugte, kalte Ton durch Mark und Bein. Karibische Töne, man mag es kaum glauben, erklingen in South Pole auch: Claudio Estay hat seine eigene Steel Drum mitgebracht. Das karibische Nationalinstrument ist aus einem alten Ölfass gebaut und auch hier dauert es sehr lange, bis das Instrument sauber in den Orchesterklang integriert ist. Es ist eben nicht so temperiert wie ein Steinway-Flügel! Aber genau diese leichte „Unsauberheit“ schätzt Claudio Estay an diesen Instrumenten, da sie dadurch eine eigene Sprache sprechen. 
Das wohl außergewöhnlichste Instrument der ganzen Partitur ist zweifelsohne der Eierschneider. Diese kleinen Härfchen erzeugen einen sehr hohen Zupfton – vergleichbar etwa mit einer sehr hoch gezupften Saite auf einer Harfe – nur das eben zehnmal multipliziert. Dieser kristalline Klang erinnert an ein leises Schneerauschen. Doch nicht etwa die Schlagzeuger dürfen dieses Mini-Instrument spielen, sondern die Streicher des Bayerischen Staatsorchesters. Das ist zum einen, weil sie die größte Gruppe im Orchester sind, und zum anderen ans Pizzicato-Spielen gewöhnt sind. Doch Kirill Petrenko bat Claudio Estay trotzdem, seine Streicher-Kollegen in einer Sonderprobe darauf vorzubereiten. Denn für Spezialinstrumente ist er schließlich der Experte!

Ein Gespräch mit dem Komponisten gibt Aufschluss darüber, was mit diesen speziellen Klangtechniken erzielt werden kann. Durch die Erweiterung des Orchesters mit außergewöhnlichen Instrumenten, beziehungsweise dem außergewöhnlichen Spielen gewöhnlicher Instrumente, schafft es Srnka, den gewohnten Orchesterklang in extreme Klangecken zu bewegen. Der für uns gewohnte, satte „Schönklang wird durch extremes Fortissimo, durch gedämpfte Klangfarben oder durch ganz und gar ungewöhnliche Töne an seine Grenzen getrieben. Die hier zum Einsatz kommenden Alltagsgegenstände führen den Klang eines Instruments (meinst am Rande seines Registers) fort. Eine Saite des Eierschneiders klingt wie eine hohe Saite einer Harfe, doch durch die hohe Anzahl der kurzen Saiten und der zahlreichen Spieler wird der Klang multipliziert. Bei den Gymnastikrohren ist es vergleichbar; Miroslav Srnka erklärt:  Sie erzeugen ein ruhiges Fundamentalgeräusch, ähnlich etwa einer tiefen Bassflöte – doch der Ton ist weniger „artifiziell. Wenn die Klangschale mit dem Kontrabassbogen gespielt wird, gibt es durch das kaum vorhandene Vibrato einen schneidenden Ton.  Kurz gesagt: je weniger Vibrato und Obertöne benutzt werden, desto reiner und purer wird der Ton. Miroslav Srnka spricht dann von einer Extension des Klanges:  Der klassische Schönklang wird gesäubert, purifiziert. Die warme Qualität wandelt sich in einen elektronischen Signalklang“, so Srnka. Diese Übergange passieren in South Pole oft fließend, fast unmerklich, aber trotzdem  Miroslav Srnka möchte mit diesen Techniken eine Klanginformation an den Zuhörer senden: Denn wir reagieren sehr viel distanzierter auf diese elektronischen Klänge, als auf den für uns gewohnten Orchesterklang. Auch bei den Sängern auf der Bühne hat das einen psychologischen Effekt: Im einen Moment befinden sie sich noch im Klangbad des Orchesters und im nächsten – fremde Geräusche, die vielleicht auch ein Gefühl der Einsamkeit entstehen lassen und Fragen aufwerfen: Warum befinde ich mich in dieser Extremsituation? Wie gehe ich mit der Einsamkeit um? Die Entwicklung des Klanges verfolgt eine Dramaturgie, auch für uns Zuschauer: Fühlen wir uns gerade komfortabel damit oder nehmen wir nur wahr? Identifizieren wir uns damit oder beobachten wir? 

Auf der musikalischen Ebene ist das Changieren des Klangs zu elektronischen Geräuschen deshalb so spannend, weil sie mit Instrumenten, und nicht mit einem Computer erzeugt werden. Das ist bei South Pole doch oft einfach nicht auseinander zu halten. Auf Nachfrage sagt Claudio Estay sofort: Ein Kontrabassbogen auf einem Vibraphon klingt wie ein Synthesizer!". So werden Töne schlichtweg in Frage gestellt: Welches Instrument war das? War das gerade etwa ein elektronisch erzeugter Klang, oder ein Instrument?  

All diese Stimmen und Tonspektren zu erspüren und umzusetzen ist, laut Claudio Estay, ein riesiges Geschenk. Und was die Schlagzeuggruppe des Bayerischen Staatsorchesters im Rahmen von South Pole zusammen mit Kirill Petrenko und Miroslav Srnka erarbeitet hat, wird sicher noch viele darauf folgende Generationen von Musikern beschäftigten. Eine Uraufführung zusammen zu verwirklichen ist schließlich auch Geschichte schreiben!

Müller-Dohle, Carolin

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Kommentare

  • Am 12.02.2016 um 16:23 Uhr schrieb eusola

    "…lasst die Klänge klingen…!"

    Ein ausgezeichneter Einblicke CK in den reichen Klangkosmos Srnkas. Ein spannendes "making of"! Schade, dass der hochinteressante Bildbericht erst so spät kommt. Man wünscht sich Audiobeispiele des ungewöhnlich chen Instrumentariums.
    Wie schön, dass es in den Festspielen nicht nur ein Wiederhören mit "South Pole", sondern auch ein OPERcussion Kammerkonzert mit Bach und Schostakowitsch geben wird.

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